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korrespondenten.blog

Anmerkungen eines Schweizers zur deutschen Erregungsgesellschaft

 

Der Korrespondent der schweizerischen Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), Benedict Neff, zieht Bilanz über seine fünf Jahre Deutschland – ein Land, in dem Nüchternheit eine Provokation ist: Euphorie und Jammer wechseln sich in der deutschen Öffentlichkeit in kurzen Intervallen ab.

 

Der Schweizer Korrespondent Benedict Neff bei «phoenix nachgefragt» (Screenshot) 

 

 

Eigentlich habe ich als Korrespondent während fünf Jahren in Deutschland immer den gleichen Kommentar geschrieben. Man könnte ihn als den Lasst-die-Kirche-im-Dorf-Kommentar beschreiben. Manche Leser glauben, darin eine bewusste Strategie zu erkennen. Die Wahrheit ist, der Kommentar entsteht fast von allein, denn die deutschen Debatten sind oft von einer eigentümlichen Hysterie gekennzeichnet. Man denke nur an all die Zeitungskommentare zur angeblichen Schande von Thüringen. Man konnte meinen, ein Nazi habe die Macht ergriffen. Stattdessen wurde ein FDP-Politiker bei einer demokratischen Wahl zum Ministerpräsidenten gewählt – mit den Stimmen der AfD, so viel ist richtig.

 

Wenn in Deutschland die Welt wieder einmal unterzugehen scheint, drängt sich Nüchternheit auf. Die «Neue Zürcher Zeitung» hatte in den neunziger Jahren einmal eine gute Werbung: Ein gespitzter NZZ-Bleistift sticht in einen aufgeblasenen Ballon. Für Schweizer Verhältnisse mag das Plakat sinnig gewesen sein: Die NZZ schaut sich die Dinge mit der gebotenen Ruhe an und bringt die Aufregungs-Blasen zum Platzen.

 

In Deutschland ist aber etwas anderes zu beobachten: Nüchternheit ist hier eine Provokation. Der Lasst-die-Kirche-im-Dorf-Kommentar bringt viele Menschen erst recht zum Hyperventilieren. Kurzum: je unaufgeregter der Ton, desto aufgeregter die Reaktionen.

 

Denn wer nicht selbst die Alarmglocke schellt, hat den Ernst der Lage nicht erkannt: handle es sich um Donald Trump, die Klimakrise, die AfD oder um eine FDP, die angeblich mit Faschisten paktierte. In der Gemeinde aktivistischer Journalisten gilt Gelassenheit wahlweise als Kollaboration mit dem Feind oder Geschichtsvergessenheit. Im besten Fall wird sie einem als schweizerische Nonchalance oder Ahnungslosigkeit verziehen.

 

Ein Land im Ausnahmezustand

 

Aber selbstverständlich ist der Lasst-die-Kirche-im-Dorf-Kommentar nicht immer das richtige Instrument, um den deutschen Problemen zu begegnen. Er drängt sich vor allem bei den kleineren, alltäglichen Aufregungen auf, die in Berlin aber bekanntlich die bestimmenden sind. Dass die deutsche Öffentlichkeit eine leicht erregbare ist und sich Euphorie und Jammer manchmal in kurzen Intervallen abwechseln, konnte ich immer wieder beobachten. Deutschland ist eine Nation, die sich heute für seine Menschenfreundlichkeit feiern und schon morgen des kollektiven Rassismus bezichtigen kann.

Ich kam im Frühling 2015 als Korrespondent nach Berlin. Wochen später setzte die Flüchtlingskrise ein. Es war in jeder Hinsicht eine extreme Zeit. Aus der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin entstand eine Art Bewegung, die Willkommenskultur. Ankömmlinge wurden am Münchner Bahnhof von freiwilligen Helfern klatschend empfangen. Ein Ende war lange nicht absehbar, denn die Kanzlerin hatte erklärt, die Grenzen nicht schützen zu können.

 

Sie wollte es auch nicht. Linke Politiker jubilierten, dass sich Deutschland endlich verändern würde. Manager träumten von einem neuen Wirtschaftswunder. Journalisten lobten den neuen deutschen Humanismus. Im Parlament waren sich alle mehr oder weniger einig, dass Merkel das Richtige tat. Nur in Bayern drohte der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer der Kanzlerin mit einer Klage, falls sie die Zuwanderung nicht begrenze. Der heutige Innenminister wirkte auf viele wie ein rechter Fanatiker. Deutschland hilft, wo ist das Problem?

 

Die Tage von Hell- und Dunkeldeutschland

 

Irgendwann kam die Ernüchterung. Es gab Proteste und Übergriffe gegen Flüchtlinge. Wo Merkel auftrat, wurde sie niedergeschrien und ausgepfiffen. In AfD- und Pegida-Kreisen nannte man sie Volksverräterin. Es war der Beginn einer Polarisierung der Gesellschaft, die bis heute anhält. Das Establishment versuchte sie nicht einmal zu verhindern. Im Gegenteil, ein Teil der Bevölkerung wurde einfach aufgegeben. Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, ein lutherischer Pastor, trennte Deutschland in zwei Sphären. Er sprach von einem «hellen Deutschland» und von «Dunkeldeutschland». Das waren Orte wie Heidenau.

 

In dieser Zeit wurde Björn Höcke, der Mann, vor dem sich nun halb Deutschland fürchtet, allmählich populär. In Erfurt demonstrierte der AfD-Politiker jede Woche vor dem Dom und sagte Dinge wie: «Erfurt ist schön deutsch. Und schön deutsch soll Erfurt bleiben.» Ich habe mir eine solche Versammlung im Oktober 2015 angeschaut. Im Publikum standen viele Leute, die als Neonazis erkennbar waren. Einen Redner wie Höcke hatte ich noch nie live gesehen. Er war aggressiv, dann wieder rührte er sich selbst fast zu Tränen. Seine völkische Sprache kam wie aus einer anderen Zeit. Der Zulauf, den er hatte, wunderte mich, und er bereitete mir auch Sorgen. Wo wird das noch hinführen, dachte ich mir, wenn die Regierung die Flüchtlingskrise nicht in den Griff bekommt?

 

Die Kölner Silvesternacht änderte dann die Stimmung im Land nachhaltig. Zum einen schockierten die massenhaften sexuellen Übergriffe von Migranten, zum anderen deutsche Behörden, die diese zu vertuschen versuchten. Eine Nacht genügte, um die Überforderung eines ganzen Landes zu offenbaren.

 

Ein ungefragter Experte aus Syrien

 

Einige Zeit später traf ich den Politologen Bassam Tibi in Göttingen für ein Interview. Er ist in Damaskus geboren, war lange Professor in Deutschland, lehrte aber auch in Harvard und Yale. Von ihm stammen die Konzepte der Leitkultur und des Euro-Islams, sie tauchten als Begriffe nun gelegentlich in der Debatte auf. Eigentlich hätte Tibi zu jener Zeit der Mann der Stunde sein müssen, ein Erklärer zwischen den Welten. Aber er spielte im deutschen Diskurs kaum eine Rolle, und das dürfte mit seinen Meinungen zu tun gehabt haben.

 

Eine Quintessenz aus dem Gespräch war: Schlecht integrierbare Menschen treffen auf eine Gesellschaft, die nicht fähig ist, Menschen zu integrieren. Daneben sprach Tibi vom deutschen Hang zum Extremismus: Fremdenfeindlichkeit oder Fremdeneuphorie, ein Mittelmaß gebe es nicht.

 

Auch dies ist eine extreme Meinung, gab es doch viele Deutsche, die sich weder zum einen noch zum anderen Lager zählten. Aber die These wirkte auf mich gerade in jener Zeit überzeugend, vielleicht auch, weil ich mich als Journalist selbst zwischen diesen Extremen bewegte. Mal machte ich einen Selbstversuch als Flüchtlingshelfer, dann wieder hörte ich Höcke-Reden. Ich lernte Deutsche kennen, die die ganze Welt retten wollten, und andere, die alle Syrer am liebsten außer Landes gekarrt hätten.

 

Die Sache mit dem Westfernsehen

 

Nach dem Interview mit Tibi wurde ich öfters mit dem Begriff Westfernsehen konfrontiert. Damit ist gemeint, dass Schweizer Medien in der Flüchtlingskrise eine Funktion einnahmen, die mit dem Westfernsehen zu Zeiten der DDR vergleichbar sei. Leser bedankten sich für Artikel, die man so angeblich in Deutschland nicht lesen könne. Der Begriff Westfernsehen, der bis heute in Debatten auftaucht, war schon 2016 eine unhaltbare Übertreibung. Im Kern brachte er aber etwas zum Ausdruck, das auch ich beobachtete: In der Schweiz wurde über alle Aspekte der Flüchtlingskrise anders und freier geschrieben.

 

Bei vielen deutschen Journalisten befiel mich das Gefühl, dass sie versuchten, den Kurs der Regierung abzustützen: nur nicht die Willkommenskultur gefährden. Probleme der Zuwanderung wurden eher nicht angesprochen, aus Angst, ihre klare Benennung könnte das Publikum verschrecken. Diese Vorsicht lässt sich mit der deutschen Geschichte erklären, aber sie war einer kritischen Auseinandersetzung mit der Migration hinderlich und schadete dem Ansehen der deutschen Medien.

 

Warum rekapituliere ich hier noch einmal die Flüchtlingskrise? Sie prägte meine Arbeit als Korrespondent, aber sie prägt auch das Land bis heute. Die Umwälzungen im deutschen Parteiensystem sind zum Teil eine direkte Folge dieser Zeit. Die AfD war bis dahin eine unbedeutende Professorenpartei, die mit dem Euro haderte. Merkel hat sie groß gemacht. Aber auch deutsche Medien haben die AfD vitalisiert, weil sie den Asyl-Diskurs nicht in der nötigen Breite führten und weil sie etwas machten, was Medien nie tun sollten: sich relativ eindeutig auf die Seite der Mächtigen zu schlagen, anstatt sie kritisch zu begleiten.

 

Der Aufstieg eines Zeuslers

 

Dass die AfD in einem solchen Klima Zulauf hatte, ist nicht verwunderlich, dazu kamen Repräsentationslücken. Es gab schlichtweg keine Partei, die sich kritisch zur Migrationspolitik stellte oder zur Europäischen Union. Insofern hatte die AfD zu Beginn auch eine wichtige Funktion für die Demokratie, es ging darum, bestimmte Meinungen, die in der Bevölkerung vorkamen, auch im Parlament abzubilden. Dann und bis heute hat die AfD aber etwas Entscheidendes nicht gemacht: Grenzen ziehen nach ganz rechts.

Zwei Jahre nachdem ich Höcke in Erfurt aus der Ferne gesehen hatte, habe ich mit ihm ein längeres Interview geführt. Er war nun nicht mehr nur ein regionales Phänomen, sondern das Schreckgespenst der ganzen Republik. Mittlerweile hatte er die Dresdner Rede gehalten, in der er von einer «dämlichen Bewältigungspolitik» sprach und eine 180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungspolitik forderte. Überall wurde über ihn geschrieben, aber kaum jemand schien mit ihm zu reden – auch dies ein gängiges Muster deutscher Medien: den Bösen nur keine Plattform bieten.

 

Höcke wollte sich in dem Gespräch als ein Missverstandener präsentieren. Ein Bürgerlicher wollte er sein, den die Sorge um sein Land zeitweise ein bisschen zu stark mitgenommen hatte. Bei seinen Reden auf dem Domplatz, sagte er, habe es ihm manchmal die Stimme überschlagen, was er bedaure. Die Wandlung wirkte auf mich nicht glaubwürdig. Was sich geändert zu haben schien, waren seine Ziele. Er dachte grösser, er wollte nun nicht mehr nur die paar tausend Leute auf dem Erfurter Domplatz erreichen. Indem er sich gemäßigt gibt, wird er eher noch gefährlicher.

 

Der Ruf nach dem Verfassungsschutz

 

Es gibt Leute, die sagen, Höcke sei ein Nazi. Selbst CDU-Politiker sagen das. Vielleicht ist er einer, aber wer könnte das mit Sicherheit sagen? Höcke macht keine Gewaltaufrufe, er hetzt keine Ausländer durch die Straßen, er ruft nicht zu ihrer Auslöschung auf. «Wehret den Anfängen», sagen da viele trotzdem, und besser, man schalte einem solchen Politiker jetzt schon das Mikrofon aus, bevor es zu spät ist.

 

«Deutschland ist noch eine junge Demokratie», sagen Schweizer gern und ein bisschen von oben herab. Tatsache ist, die Deutschen sind ängstliche Demokraten. Es gibt ein tiefes Misstrauen und Unbehagen, ob die Demokratie mit Leuten wie Höcke fertigwird. Das Trauma der Machtergreifung durch die Nazis ist bis heute in der Gesellschaft tief verankert. Dies zeigte sich auch nach der Thüringer Ministerpräsidentenwahl, prompt kamen die Vergleiche mit den dreißiger Jahren. Und die Zeitungen veröffentlichten gleich Kommentare, in denen sie den Verfassungsschutz aufforderten, die gesamte AfD zu beobachten. Entscheidend für eine Beobachtung sollten aber Taten sein und nicht Worte.

 

Deutschland braucht mehr Vertrauen in die eigene Demokratie. Denn wenn Politiker präventiv aus dem Verkehr gezogen werden, aus Angst, sie könnten sich dereinst weiter radikalisieren, nimmt die Demokratie selbst Schaden. Die AfD ist nicht stärker geworden, weil man sie in Deutschland zu wenig bekämpft hätte. Eher hat man sie zu stark ausgegrenzt, zu einem Zeitpunkt, als sie noch einigermaßen gemäßigt war. Er sei «ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft», sagt Mephistopheles in Goethes «Faust». Die deutsche Politik funktioniert oft genau umgekehrt: Man will das Gute und erreicht damit exakt das Gegenteil.

 

Der Vorteil des Korrespondenten

 

Über die Flüchtlingskrise zu schreiben, war damals eine Herausforderung. Ich wollte über die Willkommenskultur fair berichten, aber ich wollte nicht Teil von ihr werden. Das heißt, ich musste mich dem Sog entziehen, und damit war man eher allein.

 

Natürlich sind ausländische Journalisten kein bisschen klüger als ihre deutschen Kollegen, tendenziell wissen sie sogar weniger Bescheid, vor allem in den Details. Sie sind weiter weg von den Politikern, was ein Vorteil und ein Nachteil ist. Die Distanz öffnet den Blick, was dem Journalismus guttut. Gleichzeitig sieht man die Dinge aus der Ferne eben auch nicht so genau. Einen unbestreitbaren Vorteil gibt es aber, wenn man von außen kommt: Man ist nicht so leidenschaftlich, weil man sich mit dem Land weniger identifiziert. Man lässt sich weniger hinreißen und mitreißen. Das kann hilfreich sein, wenn es darum geht, zu beschreiben, was ist.

 

Das Problem mancher Journalisten in Deutschland ist, dass sie nicht über die Wirklichkeit schreiben, sondern über die gewünschte Wirklichkeit. Die Folge ist ein verzerrtes Bild.

 

Die demokratische Wahl von Thüringen

 

Nach der Ministerpräsidentenwahl von Thüringen war ich in einer ähnlichen Situation wie damals in der Flüchtlingskrise. Mir wurde das eigene Abseitsstehen wieder bewusst.

Dass das Vorgehen von FDP und CDU nicht besonders klug war, war offensichtlich, aber ich wendete mich gegen die moralische Verurteilung der Wahl und gegen die Vorstellung, dass eine Wahl von Thomas Kemmerich weniger demokratisch sein soll als eine Wahl von Bodo Ramelow. Wenn ein Politiker einer 5-Prozent-Partei vom Parlament gewählt wird, dann ist er gewählt, auch wenn laut Umfragen eine große Mehrheit der Bürger den Gegenkandidaten supersympathisch findet. Wenn bürgerliche Parteien nicht mehr kandidieren aus Angst, von der AfD gewählt zu werden, dann machen sie aus dieser Partei einen Riesen, und sie verraten ihre eigenen Werte.

 

«Spiegel Online» schrieb einen Tag später: «Die Kritik vieler Kommentatoren fällt vernichtend aus – ein Schweizer sieht die AfD-Stimmen für Kemmerich hingegen nicht als Makel.» Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass es einer halt nicht begriffen hat. Man könnte aber auch fragen: Wie kann es sein, dass in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern fast alle Medien nach so einem Ereignis mehr oder weniger den gleichen Kommentar publizieren: Schande, Dammbruch, Tabubruch? Es gibt in Deutschland eine große und permanente Angst, man könnte im entscheidenden Moment nicht auf der richtigen Seite stehen. Auch diese Angst führt zu medialen Überreaktionen und dazu, dass viele das Gleiche schreiben.

 

Der Psychiater und sein Patient

 

Was ist aber die Bilanz der deutschen Flüchtlingspolitik? Sie ist weder verheerend noch ruhmreich. Befürchtungen, islamistische Anschläge könnten zur Normalität werden, haben sich nicht eingelöst. Mittlerweile haben schon viele Asylsuchende einen Job gefunden, aber von einem neuen Wirtschaftswunder ist Deutschland weit entfernt. Die Flüchtlingskrise hat vor allem sehr viel gekostet, und sie belastet Deutschland finanziell immer noch massiv. Die Integration arabischer Menschen in Deutschland bleibt eine große Herausforderung. Die Leitkultur-Debatte wird auch deshalb immer wieder von neuem aufgewärmt, weil eine große Hilflosigkeit da ist. Wie oft habe ich mit Einwanderern geredet, die so oder ähnlich fragten: Warum soll ich mich als Deutscher fühlen, wenn die Deutschen selbst ihr Land nicht lieben?

 

Wenn ich wieder einmal so über Deutschland rede, zitiert ein Freund von mir gern den Schriftsteller Maxim Biller: «Ich fühle mich mit den Deutschen wie ein Psychiater, der langsam auf seinen Patienten keine Lust mehr hat.» So weit würde ich nicht gehen, weil mich der Patient nach wie vor fasziniert. Aber nach fünf Jahren, glaube ich, tut es ihm ganz gut, wenn er zur Abwechslung mal einen anderen Psychiater bekommt.

 

Benedect Neff

 

Dieser Text erschien zuerst in der NZZ vom 29. Februar 2020. korrespondenten.blog dankt der NZZ-Chefredaktion für die Genehmigung der Veröffentlichung. Benedict Neff ging nach seinem Deutschland-Posten nicht in die Schweizer Zentrale zurück, sondern nahm ein Jobangebot in Berlin als Referent bei Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden des Axel-Springer-Verlages, an.

 

 

 

 

Warum interessiert das in Europa niemanden?

Olga Borobio über den Krieg des mexikanischen Präsidenten gegen die Korrespondenten der Agentur Notimex

 

Als Olga Borobio vom SPD-Parteitag berichtete, waren sie und ihre Kollegen der mexikanischen Agentur Notimex bereits kaltgestellt

Notimex ist die größte und wichtigste Nachrichtenagentur ganz Lateinamerikas. Der neue Präsident Mexikos, Andrés Manuel López Obrador, geht rabiat gegen die staatliche Nachrichtenagentur seines Landes vor. Zwanzig Auslandskorrespondenten wurden über Nacht kaltgestellt und warten seit Januar 2019 auf ihre Bezahlung.

 

Unsere Agentur Notimex ist ein halbes Jahrhundert alt. So einen Vorgang haben wir Korrespondenten noch nicht erlebt: Im Januar 2019 wurden wir plötzlich entlassen. Ohne Vorankündigung. 

 

Wir erhielten lediglich ein kurzes E-Mail. "Wir verlängern eure Verträge nicht mehr", stand da. Ohne Unterschrift. Denn niemand wollte die Verantwortung dafür übernehmen. Eine solche Entlassung per E-Mail kann keine offizielle Kündigung sein.

 

Unser Zugang zu Notimex wurde sofort blockiert und die Mailadressen gesperrt. Wir konnten plötzlich keine Nachrichten mehr an den Basisdienst der Agentur schicken. Wir alle waren total überrascht. Vorher gab es überhaupt keine Anzeichen dafür. 

 

Es betraf nicht nur mich als Notimex-Korrespondentin in Deutschland, sondern insgesamt zwanzig Korrespondenten. Sie alle arbeiteten schon viele Jahre für die Agentur.  Bis dahin gab keine Probleme, weder mit der journalistischen Freiheit noch mit den Finanzen oder der Technik. Alles lief reibungslos, wir arbeiteten alle gerne.

 

Im Einzelnen sind das in alphabetischer Reihenfolge:

 

Heriberto Araujo, der 11 Jahre lang aus Brasilien berichtet

Rubén Barrera, der 31 Jahre lang aus Washington berichtet

Andrés Beltramo, der 15 Jahre lang aus dem Vatikan berichtet

Olga Borobio, ich berichte seit 28 Jahren aus Deutschland

David del Río, der 19 Jahre lang aus Frankreich berichtet

Edelmiro Franco, der 30 Jahre lang aus Kolumbien berichtet

Cecilia González, die seit 16 Jahren aus Argentinien berichtet

Maurizio Guerrero, der 10 Jahre lang aus New York berichtet

Marcela Gutiérrez, die seit 10 Jahren aus Großbritannien berichtet

Isabel Inclán, die seit 8 Jahren aus Kanada berichtet

José López Zamorano, der seit 31 Jahren aus Washington berichtet

Adela Mac Swiney, die 27 Jahre lang aus Spanien berichtet

Carlos Meza, der seit 24 Jahren ebenfalls aus Spanien berichtet

Mario Osorio, der 21 Jahre lang aus Italien berichtet

Pablo Palomo, der 31 Jahre lang aus Guatemala berichtet

Rodolfo Rivera, der 28 Jahre lang aus Venezuela berichtet

José Romero, der ebenfalls 28 Jahre aus Kalifornien berichtet

Pablo Tonini, der seit 35 Jahren aus Miami berichtet

Francisco Trujillo, der seit 27 Jahren aus Texas berichtet, und

Julio Wright, der seit 26 Jahren aus Chile berichtet.

 

Wir betroffenen Korrespondenten schrieben mittlerweile zwei offene Briefe an den Präsidenten. Den ersten öffentlichen Brief schickten wir einen Monat nach unserer Entlassung. Danach beauftragten wir einen Rechtsanwalt. Zehn Monate nach dem ersten Schreiben verfassten wir einen zweiten offenen Brief an den Präsidenten. Wir beklagten uns, dass es in der ganzen Zeit noch immer nicht zu Verhandlungen mit der Agentur gekommen sei. Es gab nur spärliche Kontakte zwischen unserem Rechtsanwalt und der Agenturleitung. Die Agenturleitung behauptete, alle Korrespondenten seien rechtmäßig entlassen worden. Dazu gehört natürlich auch eine gesetzlich vorgeschriebene Abfindung. Aber nichts dergleichen passierte!

 

Nach uns Korrespondenten wurde auch eine Reihe von Angestellten rausgeworfen, sowohl in der Zentrale als auch in den Regionalbüros. Das geschah ebenfalls von heute auf morgen. Die Leute hatten keine Ahnung, durften ganz plötzlich ihr Büro nicht mehr betreten. Manche wurden sogar mit der Polizei hinausbegleitet!

 

Für den Präsidenten ist das alles in Ordnung. Er findet, alles vor seiner Zeit sei korrupt und verdorben gewesen. Er will Mexiko neu gründen und meint, das Land entwickle sich prächtig und ändere sich durch ihn zum Positiven. 

 

Eine besondere Härte bedeutet die Entwicklung für einen Kollegen. Es ist der Korrespondent, der schon 28 Jahre in Venezuela arbeitet. Er leidet schwer an Parkinson und braucht dringend medizinische Versorgung, die er sich ohne Gehalt und Abfindung nicht leisten kann. Die Agentur reagiert auf nichts. Er wird einfach fallen gelassen, aufgegeben, ausgerechnet in Venezuela, dem Land mit der schwersten politischen und wirtschaftlichen Krise. 

 

Der Ausschuss für Hörfunk, Fernsehen und Filmindustrie des Senates von Mexiko hat zwar seine Solidarität mit den Auslandskorrespondenten offiziell  bekundet und darum gebeten, dass wir rechtmäßig behandelt werden. Das zeigte keine Wirkung.

 

Die Agentur ist zwar keine Regierungsagentur, gehört aber seit einer Verstaatlichung dem Staat. Ein Teil des Haushaltes der Agentur wurde von Kunden wie TV-Stationen, Hörfunk, Zeitungen und Digitalmedien finanziert, ein Teil durch die Regierung. Der Anteil der Regierung ging aber laufend zurück.

 

Der Konflikt geht nun weiter. Vergangenen Freitag, am 21. Februar 2020, begannen Dutzende Mitarbeiter der Agentur einen Streik wegen der tiefgreifenden Ausgabenkürzungen und Sparmaßnahmen. Inzwischen wurden 241 Notimex-Mitarbeiter entlassen.

 

Ich arbeite nun für den spanischen Dienst der Deutschen Welle in Berlin und für eine mexikanische Zeitung. Diese Zeitung gehört übrigens zu jenen guten und unabhängigen Medien, die vom Präsidenten von seinen Pressekonferenzen ausgeschlossen werden.

 

Was mich wundert und wirklich enttäuscht: In den mexikanischen Medien wurde zwar darüber berichtet, aber sonst kaum. Gerade die spanische Zeitung El Pais berichtete einmal ausführlich darüber, weil sie es unfassbar fand. Aber – von ganz wenigen kleinen Ausnahmen abgesehen – schrieben Medien in Deutschland nichts darüber. Ich hoffe sehr, das ändert sich noch!

 

Olga Borobio

 

 

 

Mit "Osteuropäerin" kann ich nichts anfangen

Maria Stoyanova, bisherige Korrespondentin aus Bulgarien, findet den Begriff befremdend und diskriminierend

 

 

 

Als die Mauer in Berlin fiel, war ich 15 und ging auf ein deutschsprachiges Gymnasium in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens. Damals hieß die Schule "Karl-Liebknecht-Gymnasium". Am Eingang stand in großen Buchstaben sein "Trotz alledem!" Die Hymne unserer Generation war "Personal Jesus" von Depeche Mode. Wir sangen voller Inbrunst: "'Your own personal Jesus!" In der Schulpause haben wir die BRAVO gelesen. Es gab immer einen Vater, der von seiner Dienstreise in der BRD oder Österreich eine neue Ausgabe mitgebracht hatte. Dann haben wir alle darin gelesen und danach die Ausgaben wie die Bibel gehütet. Aus der damaligen Zeit habe ich immer noch ein paar BRAVO-Ausgaben zu Hause. So wuchsen wir auf - zwischen Liebknecht und Depeche Mode und mit einer BRAVO in der Hand. Als die Mauer fiel, waren wir froh, endlich mit der Welt zu verschmelzen. Wir waren fest überzeugt, die Wende erfolgreich überstanden zu haben und deswegen noch besser und stärker als die Gleichaltrigen aus dem Westen zu sein. Wir alle haben damals vor Selbstbewusstsein nur so gestrotzt!

 

Während meiner Studienzeit in Österreich absolvierte ich ein Praktikum beim größten europäischen Autobauer. Ich war so stolz darauf, dass ich dort am liebsten nicht nur die Tage, sondern auch die Nächte verbracht hätte. Schließlich war ich die erste Bulgarin dort überhaupt! Bis eines Tages ein wirklich netter Kollege mich fragte, welche Sprache in Bulgarien gesprochen wird. Bitte, was?! In diesem Weltkonzern weiß man so was nicht?! Oder hat sich die Allgemeinbildung dieser Kollege wegen der Konzentration auf Sachthemen verschlechtert?

 

Später, als ich nach Berlin ging und Korrespondentin des Bulgarischen Fernsehens wurde, stellte ich fest, dass viele dort auf Sachthemen konzentriert waren. Deswegen haben sie den Begriff „Osteuropa“ oft benutzt. Mir wurde eine neue Identität zugelegt – Osteuropäerin. Damit konnte ich nichts anfangen. Zu genau wusste ich, wie viele Klischees und Vorurteile dahinterstecken. Über mich wusste ich, dass ich Bulgarin bin, dass ich aus dem Balkan komme und dass ich eine Europäerin bin. Jeder besitzt doch mehrere Identitäten. Aber Osteuropäerin, das war mir neu und fremd. 

 

Warum sollte dieser Begriff nach der Wende hervorgehoben werden? Mit dem Terminus „Osten" bzw. „Ostblock" wurden die kommunistischen Staaten bezeichnet. Seit spätestens 1991 war die Ära des Kommunismus vorüber. Wir lebten alle in einem vereinten Europa.

 

Der EU-Beitrittsprozess hat ewig lang gedauert und war steinig und schwer. Die Wiederaufnahme in die europäische Familie war es wert. Warum brauchen wir dann verbale Teilung? Diese Frage habe ich fast allen relevanten Politikern immer und immer wieder gestellt. Guido Westerwelle, Gott hab' ihn selig, hat mich sofort verstanden. Noch als Anwärter für das Amt des Außenministers Deutschlands hat er diesen Begriff als herabwürdigend verstanden und nie wieder benutzt.

 

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls aber ist der Ausdruck wieder präsent und sogar weiterentwickelt. Die Polizeidirektion Main-Taunus z. B. informierte jüngst über Betrüger mit "osteuropäischem Aussehen". Und die Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Mannheim schrieb in einer Pressemitteilung sogar "osteuropäische Sprache".

 

Bei einer Presskonferenz, organisiert in einer Parteizentrale in Berlin, sprach die Parteivorsitzende mit den Auslandskorrespondenten ebenfalls über Osteuropa. Ich sah  meine Kollegin und Landsmännin fragend an. Aus ihrer Sicht hat die Parteichefin nicht Bulgarien gemeint. Schon klar, aber wen dann? 

 

Dieses Osteuropa kann wirklich sehr verwirrend sein. Deswegen wäre es vielleicht hilfreich, die Ländernamen der neuen EU-Mitgliedstaaten zu lernen. Es handelt sich schließlich nicht um ein homogenes Gebilde. Das sogenannte Osteuropa umfasst verschiedene Länder, mit eigenen Sprachen, kulturellen Unterschieden, abwechslungsreichen Geschichten und Geographien. Viele Bürger dieser Länder sind Europäer aus Überzeugung. Sie wären dankbar, wenn auch die existierenden Probleme direkt beim Namen genannt würden. Nur so wird Europa wieder mit zwei Lungen atmen, wie Papst Johannes Paul II. einst gefordert hat. Trotz alledem!

 

 

 

 

Dreißig Jahre Mauerfall: Erinnerung und Gänsehaut 

Ewald König (Österreich) schildert seine November-Veranstaltungen als Zeitzeuge 

 

Treffen mit Fluchthelfer Burkhart Veigel (81) acht Meter unter der Bernauer Straße.

 

Meine letzten Wochen waren heftig. Ausnahmsweise beschäftigte mich weniger die aktuelle Politik. Es ging fast nur um den 30. Jahrestag des Mauerfalls und den Zustand der Einheit. Wie andere Zeitzeugen wurde auch ich von zahlreichen in- und ausländischen Medien über meine Erinnerungen an die Schabowski-Pressekonferenz und die darauffolgende Nacht gefragt, in der die Mauer fiel. Journalisten aus Portugal, Russland, Frankreich, Tschechien, Österreich und mehreren arabischen Ländern erzählte ich, wie es war. In einer Sondersendung der Deutschen Welle war ich Studiogast. Dreißig Jahre ist es her. Doch sehe ich die Bilder und höre ich die Töne von damals, melden sich noch heute intensive Erinnerung und Gänsehaut.

 

Eine ganz spezielle Veranstaltung hatten sich die Vereinigung der Berliner Pressesprecher und das Westin Grand Hotel an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden einfallen lassen. Das damalige Grand Hotel spielte in der DDR eine wichtige Rolle. Deshalb sollten dort einen Tag vor dem 30. Jahrestag der Schabowski-Pressekonferenz vom 9. November 1989 die damaligen Akteure zusammenkommen, soweit sie noch erreichbar waren. Geplant war ein Podiumsgespräch im Nobelhotel. Doch Interesse und Andrang waren so groß, dass die Vorsitzende der Berliner Pressesprecher, Andrea Bishara, und ihr Stellvertreter Eberhard Vogt die Veranstaltung in einen großen Saal verlegen mussten. Heike Muß von der Landesvertretung Schleswig-Holstein bot sich spontan als Gastgeber an. Thema: "'Unverzüglich' – Ein Presse(ver)sprecher macht Geschichte." Der Saal war rappelvoll.

 

Damalige Akteure erzählten von "ihrem" 9. November 1989: Peter Brinkmann, damals Bild-Zeitung, der in der Pressekonferenz die entscheidende Zwischenfrage gestellt hatte, auf die Schabowski mit "sofort, unverzüglich" antwortete; Claudia Fasse, die als ganz junge Mitarbeiterin des SFB Hörfunk berührende Zitate in der Nacht des Mauerfalls einfing; Eberhard Grasshoff, ehemals Sprecher der Ständigen Vertretung der BRD in DDR, mit 91 Jahren lebhaft aus den Erinnerungen schöpfend; Dagmar Hövestädt, die damals als BBC-Korrespondentin dabei war; Werner Kolhoff, Senatssprecher unter dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper, mit Internas aus den Kulissen der Stadtregierung; Robin Lautenbach, der als SFB-Korrespondent mit seiner Schalte vom Mauerfall Berühmtheit erlangte; Frank Losensky, ehemals ADN-Auslandssendungen; Ulrich Paul, damals Reporter des Spandauer Volksblattes; der AP-Agenturjournalist Frieder Reimold, dessen Eilmeldung "DDR öffnet Grenzen" exakt fünf Minuten nach Ende der PK ausgesandt wurde und der erzählte, es wäre sogar noch schneller gegangen, hätte die Redaktion nicht zunächst an seinem Verstand gezweifelt; Heinz-Joachim Schöttes, der damals für die dpa aus Ostberlin berichtete; Peter Wensierski, der damals für das ARD-Magazin "Kontraste" des Senders Freies Berlin (SFB) arbeitete; und nicht zuletzt war auch ich als Zeitzeuge und damaliger "Presse"-Korrespondent dazu eingeladen, als einziger Ausländer übrigens. Kaum zu glauben: Dieses Zeitzeugentreffen von damals entscheidenden Journalisten und Pressesprechern aus Ost und West war das allererste dieser Art – dreißig Jahre danach!

 

Ich ließ mir auch die Eröffnung des Besucherteils eines Fluchttunnels unter den Grenzanlagen der Bernauer Straße nicht entgehen, hergerichtet vom Verein Berliner Unterwelten. Auch hier eine Art Veteranentreffen, unter anderem traf ich dort Burkhard Veigel, den bekanntesten und erfolgreichsten Fluchthelfer, der 650 DDR-Bürgern in den Westen verholfen hatte, meist durch Tunnel. Der original Fluchttunnel von 1970/71, knapp acht Meter unter der Oberfläche, ausgehend vom Lagerkellergewölbe der einstigen Oswald-Berliner-Brauerei in der Brunnenstraße 143, ist der einzige echte Fluchttunnel, der noch zu besichtigen ist.

 

Alles in allem ein außergewöhnlicher November mit ganz viel Rückblick, wenig Vorschau und wenig Gegenwart.

 

Ewald König